Ist das Neuste auch das Beste?

Ich kann mich noch zurück erinnern. Damals mussten es schon immer die Beta-Releases der neusten Windows-Version sein. Es musste eigentlich immer die neuste und ‘innovativste’ Software sein. Auch musste ich immer den neusten Rechner haben, der schneller und größer war, als alles je zuvor gesehene. Nach dem mir mehr und mehr bewusst wurde, dass es des Mensch Natur sein muss, zu sammeln, zu forschen und zu expandieren,  begann ich nachzudenken und zu analysieren.

Es begann eigentlich schon mit dem Kauf eines Rechners, der die 1 Giga Herz Grenze durchbrach. Teuer war der Rechner damals und mein damals darauf betriebenes BSD-Unix schien nur so zu flutschen. Stieß ich größere Datenbankläufe an, so brachte der neue “Schatz” sicherlich schnelle Ergebnisse, aber im ‘normalen’ Arbeiten glänzte ‘das Neuste vom Neuen’ eigentlich weniger. Da ich ‘n stolzer Ossi bin und somit noch einen gesunden Blick auf das Kosten-Nutzen-Verhältnis habe (zu mindest bilde ich es mir ein), stellte sich mir die Frage, ob der Kauf wirklich nötig war. Wie oft compilierte ich denn das gesamte Betriebssystem, wie oft musste ich denn schon gigantische Wörterbücher analysieren lassen, wie oft laste ich den Rechner wirklich so aus, dass es ein Hardware-Upgrade wirklich rechtfertigen würde. Gut es dauert ca. 2 Wochen 90.000 Zitate zu analysieren, aber muss ich nun hunderte von Euros ausgeben, um diese Zeit zu halbieren?
Es kommt eher selten vor, dass wir heute die gesamte Leistung unserer PCs nutzen. 90 Prozent der Zeit, die wir den Rechner nutzen werden wir sicher nicht mal 10 Prozent der gesamten Leistungsfähigkeit benötigen und eigentlich halte ich es nicht für so wichtig, dass mein System nun 4 Sekunden schneller startet.

In einem Interview wurde Linus Torvalds einmal gefragt, warum er nicht die neue GPLv.3 nutze. Er antwortete:
I think it’s just another open source license, along with about fifty other open source licenses out there (BSD, Mozilla, etc etc). It’s no longer a really bad one like some of the early drafts were, but in my opinion the GPLv2 is simply better.Newer versions don’t necessarily mean “better”, especially when the new versions are more complex, and limit usage more.
(Quelle: http://www.oneopensource.it/interview-linus-torvalds)

Sinngemäß sagt er, dass das Neuste nicht auch immer das Beste sein müsse. Wenn das Alte all das bietet, was man benötigt und die Neuerungen mit unangenehmen Nebenerscheinungen (Kosten) verbunden sind, dann besteht nicht der Anlass, um sich dem Diktat des Upgrades zu unterwerfen.

Vor einigen Wochen unterhielt ich mich mit einem Kollegen, der sich vor allem durch seine Genialität auszeichnet. Ich fragte ihn, warum er noch Ubuntu nutze, obgleich er damit mehr und mehr unzufrieden sei.
Er sagte: Es läuft!
Er meinte weiter, dass es sehr viel Zeit und Arbeit gekostet habe, Ubuntu so anzupassen, dass es das tut, was es soll.
Er machte daraus kein Geheimnis. – Er freute sich schon ‘irgendwie’ auf den Tag, da Ubuntu endlich den Dienst versagte, denn dann könne er sich endlich ein ‘vernünftiges’ Linux installieren. Und das ohne die 1000 Workarounds. Ein simples, einfaches Linux. – Ohne “Schnick-Schnak”. – Slackware oder ArchLinux – Klare Strukturen ohne bunten Firlefanz, ohne eine total “verwurschtelte” Betriebssystem-Umgebung.

Das Motto ist also “Back to Roots” und damit steht die Beantwortung der Frage nach dem “Was brauche ich wirklich” mehr denn je im Vordergrund.
Hat man erst einmal erkannt, dass das “ich brauche” vor allem diktiert wird, gewinnt das “wirklich” erst an Bedeutung.

Vorsicht!
Ich muss dich allerdings warnen! Stellst du dir diese Frage wirklich ernsthaft, so gibt es kein zurück mehr. Es ist eine Einbahnstraße, denn man erhält Antworten, die sich nachhaltig auf das ganze Leben auswirken. Ich habe schon vor vielen Jahren diesen Weg eingeschlagen und kann dir sagen, dass es durchaus nicht falsch ist, einfach weiterhin wie ein Schaf über grüne Wiesen geführt zu werden.
Beginnst du dir deinen eigenen Kopf zu machen, so wirst du sehr schnell Antworten erhalten. Die meisten Menschen geben sich damit zufrieden und werden nie sehen, dass sie sich mit Alibi-Antworten weiterhin belügen (lassen).
Gehst du den Weg wirklich weiter, wirst du mehr Widerstand erleben, als du es dir je hättest vorstellen können. Denn der Mensch ist sehr, sehr bequem. Er lebt in seiner Vorstellung von Wahrheit und all das, was diese in Frage stellt, wird erbittert bekämpft. – Also überlege es dir genau: Was willst du wirklich?

Nachtrag:
Der etwas fehlleitende Titel und die Tatsache, dass sich das eigentliche Thema nur dem erschließt, der bis zum Ende ließt, ist durchaus kein Zufall. ;-)

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